{"id":521,"date":"2017-03-12T16:49:13","date_gmt":"2017-03-12T15:49:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.irland-fan.de\/?page_id=521"},"modified":"2017-07-02T21:51:43","modified_gmt":"2017-07-02T19:51:43","slug":"irland-nach-heinrich-boell-und-vor-der-zeit-des-keltischen-tigers","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.irland-fan.de\/?page_id=521","title":{"rendered":"Irland &#8211; nach Heinrich B\u00f6ll und vor der Zeit des &#8222;Keltischen Tigers&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 1973 konnte ich von \u201eunversch\u00e4mten Gl\u00fcck\u201c reden, als ich als Ausl\u00e4nderin in der Republik Irland einen gut bezahlten Arbeitsplatz fand<br \/>\nImmer noch war dieses Land ein Auswanderungsland.<br \/>\nUnd in Irland ausgebildete \u00c4rzte fanden eher Arbeit in Amerika, England oder Australien als im eigenen Land.<br \/>\nDas hatte ich naiver Weise nicht bedacht, als ich mich um eine anerkannte Weiterbildungsstelle als Assistenz\u00e4rztin in nahezu allen bekannten Krankenh\u00e4usern auf der \u201egr\u00fcnen Insel\u201c bewarb.<br \/>\nIch hatte B\u00f6lls \u201e Irisches Tagebuch\u201c gelesen und mich bei einigen Kurzurlauben in Land und Leute verliebt.<br \/>\nNun schrieb ich eine Bewerbung nach der anderen und hatte tats\u00e4chlich eines Tages Erfolg.<br \/>\nEin Professor f\u00fcr Neurologie, der mit einer deutschen Frau verheiratet war und am Max Planck Institut in M\u00fcnchen gearbeitet hatte, bot mir an, an einer Studie mit zu arbeiten, die von einem Pharmaunternehmen finanziert wurde. Dadurch konnte ich meine Unkosten decken und der irische Staat wurde nicht belastet.<br \/>\nSo kam ich an das alt ehrw\u00fcrdige St. Laurence`s Hospital in Dublin.<br \/>\nDas war 1772 auf der \u00e4rmlichen Nordseite des Liffey als \u201eHospital for the poor-sick of Dublin\u201c etabliert worden.<br \/>\nDas Richmond Hospital, in dem ich mich haupts\u00e4chlich auf hielt, war 1811<br \/>\ndazu gekommen.<br \/>\nUnd so armselig und sch\u00e4big, wie sich damals Dublins Nordseite pr\u00e4sentierte, sah auch jetzt noch das Krankenhaus aus.<br \/>\nAuch 1973 waren die Unterschiede von Dublins Nord-und S\u00fcdseite, ausgemacht am Liffey Flu\u00df, noch deutlich sicht- und sp\u00fcrbar.<br \/>\nSobald ich mit meinem VW K\u00e4fer \u00fcber die O`Connell Bridge den Liffey \u00fcberquert hatte, waren die H\u00e4userfassaden grauer, die Vorg\u00e4rten \u00f6der, die Geb\u00e4ude verwahrloster.<br \/>\nEines Tages bemerkte ich hinter den schmutzigen Scheiben eines Ladenfensters ein Schild \u201e retyred pram wheels\u201c, was so viel hie\u00df wie<br \/>\n\u201erund erneuerte Kinderwagenr\u00e4der\u201c.<br \/>\nDa wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, wie kinderreich die Familien im katholischen Irland waren. F\u00fcnf bis sieben Kinder waren<br \/>\nnormal. Es gab aber auch noch viele Familien, die zw\u00f6lf Kinder gro\u00df zogen. Kein Wunder, dass die Kinderwagenr\u00e4der abgenutzt wurden.<\/p>\n<p>Das Krankenhaus, ein d\u00fcsteres Backsteingeb\u00e4ude aus dem fr\u00fchen 19.Jahrhundert entbehrte jeglichen Komfort.<br \/>\nDie Patienten waren zum gro\u00dfen Teil noch in Krankens\u00e4len, gro\u00dfen R\u00e4umen mit zehn bis zw\u00f6lf Betten, den sogenannten \u201eNightingale wards\u201c<br \/>\nuntergebracht.<br \/>\nDie Betten konnten durch rundum gezogene Vorh\u00e4nge getrennt werden.<br \/>\nIn jeder dieser kleinen Kabinen gab es ein Nachtschr\u00e4nkchen und auf dem, je nach Vorlieben des Patienten ein kleines Radio mit dem die unterschiedlichsten Programme zur selben Zeit geh\u00f6rt werden konnten.<br \/>\nAuf dem Sims des nicht mehr benutzten Kamins am Ende eines Saales<br \/>\nlief oft auch noch ein kleiner Minifernsehapparat.<br \/>\nMir war es ein R\u00e4tsel, wie man bei dem L\u00e4rm gesund werden konnte.<br \/>\nAllerdings kamen ja nicht mehr nur die poor-sick von Dublins Nordseite, sondern jetzt Patienten aus allen Grafschaften der Insel in diese neurologische Spezialklinik.<br \/>\nDer Trubel in den gro\u00dfen S\u00e4len wirkte f\u00fcr manche vielleicht gar als Lebens elixir, besonders , wenn sie aus den einsamen Gegenden der Gaeltacht kamen.<br \/>\nEin Ersatz f\u00fcr den Pub? Den gesellschaftlichen Treffpunkt an den Wochenenden?<br \/>\nEin einsamer Mann in der \u00e4u\u00dfersten Ecke des Saals wurde kurze Zeit f\u00fcr<br \/>\n\u201edebil\u201c gehalten, weil keiner sich mit ihm verst\u00e4ndigen konnte.<br \/>\nEines Tages jedoch taute er auf. Eine Physiotherapeutin hatte ihn au G\u00e4lisch angesprochen. Das verstand er, jedoch kein Englisch.<br \/>\nEin anderer Patient nannte den blinkenden, surrenden Apparat zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit \u201ea beautiful machine\u201c und f\u00fchlte sich nach der Untersuchung gleich viel besser, trotz der stumpfen, verrosteten Nadeln, die beim Einstechen bestimmt nicht angenehm waren.<br \/>\nEines Tages bemerkte ich in den Saalecken und Fluren kleine, runde Dosen.<br \/>\nEin Kollege kl\u00e4rte mich auf. Die hatte wohl der noch immer offiziell angestellte \u201erat catcher\u201c verteilt, um die Ratten aus den uralten Gem\u00e4uern zu bek\u00e4mpfen.<br \/>\nJedoch im Gegensatz zu den oft erb\u00e4rmlichen \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden, waren die Zuwendung zu den Patienten, die liebevolle Betreuung, die F\u00fcrsorge, das Miteinander zutiefst von Humanit\u00e4t und N\u00e4chstenliebe gepr\u00e4gt.<br \/>\nEs gab einen ganzen Stab von Krankenschwestern in einer mir unbekannten Rangordnung; aber alle mit ihren eigenen Aufgaben und immer auf das Wohl des Patienten bedacht.<br \/>\nInteressanter Weise schrieben sie die ausf\u00fchrlichen Patientenprotokolle<br \/>\nf\u00fcr die \u00c4rzte. Diese verantwortungsvolle Aufgabe wurde in Deutschland nicht den Schwestern, sondern den Medizinalassistenten anvertraut.<br \/>\nEbenso eigenst\u00e4ndig k\u00fcmmerten sich die Physiotherapeutinnen t\u00e4glich um<br \/>\ndie Patienten, bei denen sie Behandlungsbedarf feststellten , ohne vorherige Anordnung durch die \u00c4rzte.<br \/>\nDie Arbeitszeiten waren human.<br \/>\nWenn ich morgens um 8 Uhr auf der Station erschien, waren die Patienten gerade erst geweckt worden und wurden nun gewaschen.<br \/>\nAlso stellte ich schnell fest, dass es sinnvoller war, erst nach 9 Uhr vorbei zu schauen, um mit meinen Aufgaben zu beginnen.<br \/>\nAlles ging sehr gem\u00e4chlich zu. Waren zum Beispiel mehrere Neuzug\u00e4nge aufgenommen worden, die alle eine R\u00fcckenmarks Punktion erhalten sollten, so wurden diese nicht hintereinander durchgef\u00fchrt, sondern erst einmal eine. Dann ging man in die Cafeteria zum Tee trinken. Und erst danach ging es weiter mit mehreren Tee Unterbrechungen.<br \/>\nDie Cafeteria war immer gut besucht. Hier bekam ich meinen besten Unterricht \u00fcber irische Geschichte, irische Literatur, irische Lebensart.<br \/>\nIch lernte \u201e Wakians \u201e kennen, Leute, die an den sprachlichen Metaphern von \u201e Finnegans Wake\u201c r\u00e4tselten, lernte Synge und besonders sein Buch \u201eThe Aran Islands \u201e lieben, erfuhr,was ein Dolmen ist und wo sich in Irland die meisten beehive huts befinden, Welche Bedeutung Queen Maeve aus Connacht hatte und welche Newgrange und Tara&#8230;.<br \/>\nWenn dann der \u201e Chef\u201c, der Consultant zur Visite kam, ging der auch erst einmal \u2013 Tee trinken.<br \/>\nStets erschien er im Nadelstreifenanzug, oft geschm\u00fcckt mit einer Blume im Knopfloch und sprach mich \u2013 v\u00f6llig ungewohnt f\u00fcr mich \u2013 mit meinem Vornamen an.<br \/>\nMir fiel es schwer, diese Autorit\u00e4t ebenfalls mit Vornamen anzusprechen.<br \/>\nIn dem Aufzug ging er auch auf die Intensivstation.<br \/>\nEinziges Zugest\u00e4ndnis an die Hygiene waren Mundschutz und Plastik\u00fcberschuhe. Das \u201eFu\u00dfvolk\u201c folgte allerdings in wei\u00dfen Kitteln.<br \/>\nAuf Keimfreiheit wurde nicht gerade penibel geachtet.<br \/>\nDie Dienstzeiten der jungen Kollegen wurden nicht wirklich genau kontrolliert. Einige kamen sp\u00e4t, gingen aber auch sp\u00e4t.<br \/>\nGern wurden abends kleine Partie veranstaltet, zu denen auffallen viele h\u00fcbsche, junge Stewardessen der irischen Fluggesellschaft Aer Lingus eingeladen waren.<br \/>\nDas erinnerte mich an meine Studentenzeit, als die Medizinstudenten am liebsten zu den B\u00e4llen der PH aufkreuzten.<br \/>\nDas beiderseitige Interesse war gro\u00df.<\/p>\n<p>Nach sechs Monaten hatte ich mit meiner Studie kaum Fortschritte erzielt.<br \/>\nAnf\u00e4nglich fehlte es an den zu testenden Medikamenten, sp\u00e4ter fehlte es an den entsprechenden Patienten.<br \/>\nDaf\u00fcr hatte ich mich auf den Stationen mit der Aufnahme von Anamnesen<br \/>\nn\u00fctzlich gemacht und beim Tee trinken in der Cafeteria viel \u00fcber Irland &#8211;<br \/>\nLand und Leute \u2013 erfahren k\u00f6nnen.<br \/>\nIch bekam einen Einblick in die hirarschiche Struktur des Gesundheitswesens und lernte viele englische Ausdr\u00fccke , die mir in meiner sp\u00e4teren kleinen Praxis an der irischen Westk\u00fcste zu Gute kamen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-541 size-large\" src=\"https:\/\/www.irland-fan.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/IMG_20170320_0001-700x903.jpg\" width=\"700\" height=\"903\" srcset=\"https:\/\/www.irland-fan.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/IMG_20170320_0001-700x903.jpg 700w, https:\/\/www.irland-fan.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/IMG_20170320_0001-232x300.jpg 232w, https:\/\/www.irland-fan.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/IMG_20170320_0001-768x991.jpg 768w, https:\/\/www.irland-fan.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/IMG_20170320_0001.jpg 1956w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 1973 konnte ich von \u201eunversch\u00e4mten Gl\u00fcck\u201c reden, als ich als Ausl\u00e4nderin in der Republik Irland einen gut bezahlten Arbeitsplatz fand Immer noch war dieses Land ein Auswanderungsland. 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